Entdecken Sie die Calle Varisco in Venedig, die nur 53 cm breite Gasse im ruhigen Cannaregio. Infos zu Lage, Geschichte und Atmosphäre für neugierige Flaneure.
Venedig ist eine Stadt, in der die Wege weniger den Autos als den Menschen und Booten gehören. Sie ist durchzogen von engen Passagen, in denen man sich mitunter seitlich drehen muss. Eine aber sticht heraus: Die Calle Varisco ist die schmalste Gasse der Stadt, nur 53 Zentimeter breit – schmaler als eine Standardtür. Wer eintritt, bewegt sich strikt in Einerreihe, die Schultertasche besser abgenommen.
Um die Calle Varisco zu finden, steuern Sie den Stadtteil Cannaregio an. Er zählt nicht zu den touristischsten Ecken Venedigs und wirkt deshalb ruhiger, geerdeter. Die Gasse sitzt zwischen zwei kleinen Plätzen – dem Campo San Canciano und dem Campiello della Madonna. Beim ersten Vorbeigehen übersieht man sie leicht; sie wirkt tatsächlich wie ein Spalt zwischen Häusern. Genau darin liegt ihr Reiz.
Die Gasse trägt den Namen der Familie Varisco, die um das 15. Jahrhundert aus Bergamo nach Venedig kam. Sie arbeiteten in der Seidenherstellung und genossen, dem Anschein nach, einen soliden Ruf. Ihr Name steht nicht nur hier: In der Nähe erinnern auch die Gassen Ramo und Corte Varisco an die Familie.
Stellen Sie sich einen schmalen Korridor zwischen alten Backsteinhäusern vor. Keine Schaufenster, keine Schilder – nur Wände und hin und wieder ein kleines Fenster. Am Tag fällt wenig Sonne hinein, gegen Abend wird es ausgesprochen dämmrig. Fotografierende und neugierige Flaneure fühlen sich von dieser Stimmung angezogen. Man glaubt leicht, in ein Venedig einer anderen Zeit hinüberzugleiten – weit weg vom polierten Zentrum.
Die Calle Varisco taucht oft auf Listen der außergewöhnlichsten Orte Venedigs auf. Große Reisegruppen stauen sich hier selten, doch wer charaktervolle Winkel sucht, bereut den Abstecher nicht. Hier geht es nicht um prunkvolle Fassaden oder große Panoramen – es geht um das Gefühl. Die Gasse deutet an, wie eine Stadt entstand, in der jeder Zentimeter Boden klug genutzt werden musste; kaum ein Ort macht das so greifbar.
Wird die große Welt bald die Calle Varisco für sich entdecken? Vielleicht. Immer mehr Reisende blicken über die Hauptattraktionen hinaus und suchen Orte mit Textur. Sollte der Andrang wachsen, müsste die Stadt wohl überlegen, wie sich solche fragilen Nischen schützen lassen.
Die Calle Varisco ist schwer zu gehen, aber leicht zu behalten. Sie kann über Venedig mehr erzählen als so manches Museum. Hier streift man im Wortsinn die Geschichte – zwei Schultern, zwei Wände.