Die Amalfiküste beeindruckt mit vertikaler Architektur: Terrassen, Treppen, Häuser am Fels. Von römischen Anfängen bis heute – Positano, Amalfi, Ravello.
Die Amalfiküste in Süditalien taucht in Reiseführern häufig auf: türkisfarbenes Meer, steile Felsen, eng an die Berge geschmiegte Orte. Hinter der Postkartenoberfläche steckt jedoch mehr. Hier stehen die Häuser nicht einfach, sie klettern die Hänge hinauf, als wollten sie den Himmel berühren. Wie ist es dazu gekommen? Und was an diesen Orten überzeugt selbst Menschen, die sich sonst kaum für Architektur interessieren? Wer die Stufen hier hinaufsteigt, merkt schnell, dass das Panorama einer strengen Logik folgt.
Entlang der Küste gibt es kaum ebenes Land. Fast alles besteht aus Fels und steilen Hängen. Deshalb dehnten sich Orte wie Positano, Amalfi und Ravello nicht wie die meisten Städte in die Breite aus – sie wuchsen in die Höhe. Von unten betrachtet scheinen die Häuser übereinander zu schweben, und viele Straßen wirken eher wie Treppen.
Diese Bauweise war eine Notwendigkeit: Die Berge ließen keine Wahl. Entstanden sind vertikale Städte, in denen jeder letzte Meter Raum genutzt wird.
Die Römer siedelten hier zuerst. Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. errichteten sie entlang der Küste prächtige Villen – in Minori, Positano und auf den nahe gelegenen Inseln. Um Gebäude an den Hängen zu setzen, mussten sie den Boden ausgleichen und stufenförmige Terrassen anlegen, die zur Grundlage der Häuser wurden.
Vieles geschah in Handarbeit. Den Untergrund ebneten Arbeiter – häufig versklavte Menschen oder Freigelassene.
In solchen Orten sind klassische Straßen rar. Man bewegt sich über Treppen, und ein Balkon des einen Hauses kann zugleich das Dach des anderen sein. So entsteht das Gefühl, die Stadt sei wie ein Puzzle – nur senkrecht – zusammengesetzt.
Auch heute planen Architektinnen und Architekten so, dass sich die Bauten in die Berge einfügen statt herauszustechen. Ein Beispiel ist die Torre Positano, eine Villa, die als eine der renommiertesten an der Küste gilt.
Jedes Jahr kommen mehr Besucher. Das ist einerseits gut für die lokale Wirtschaft, andererseits belastet es die alternde Bausubstanz und die Infrastruktur. Manchmal beeinträchtigen Neubauten oder Sanierungen das Erscheinungsbild und verändern den Charakter der Orte. Die Balance zu halten, ist nicht leicht.
Die Architektur der Amalfiküste ist mehr als eine schöne Kulisse. Sie zeigt, wie sich Menschen einer schwierigen Landschaft anpassen können, ohne sie zu überformen. Seit Jahrhunderten lernen die Bewohner, dort zu leben, wo man nicht einfach und nicht gerade bauen kann. Sie fanden Wege, Häuser an Felsen wachsen zu lassen – und taten es so, dass es solide, anmutig und alltagstauglich wirkt.