Ende April lodern in Tschechien Feuer: čarodějnice, das heitere Frühlingsfest. Erfahre Bräuche, Orte und wie es sich von der Walpurgisnacht unterscheidet.
Jedes Jahr entfachen Ende April in Tschechien Dutzende von Feuern. Menschen treffen sich in Parks und auf Lichtungen, zünden Strohhexen an, grillen Würste und feiern bis spät in die Nacht. Es ist keine Show und kein Halloween – es ist čarodějnice, auf Tschechisch „Hexen“.
Die Stimmung ist heiter, familienfreundlich und alles andere als unheimlich.
Niemand verbrennt eine echte Hexe. Es ist eine einfache Gestalt aus Stroh und alten Kleidern, Stellvertreterin für den Winter – die Jahreszeit, die alle verabschieden wollen. Die Flammen sollen die Düsternis der kalten Monate vertreiben und dem Frühling den Weg freimachen.
Das Fest heißt pálení čarodějnic, wörtlich das Verbrennen der Hexen. Mit realen Hexen oder Jagden hat es zum Glück nichts zu tun.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Es ist der Vorabend der Maifeier, und in manchen europäischen Ländern heißt der Abend Walpurgisnacht. Früher glaubte man, Hexen versammelten sich dann, und Feuer hielten das Böse fern. In den böhmischen Ländern verschmolz diese Erzählung mit lokalen Gewohnheiten – entstanden ist ein farbenfrohes Frühlingsfest.
Heute bedeutet es vor allem eines: Der Winter liegt hinter uns, Wärme ist willkommen.
Das moderne čarodějnice fühlt sich an wie ein Lagerfeuerabend mit Freundeskreis – nur lebhafter und größer. Familien kommen zusammen, bringen Essen mit, rösten Würste (špekáčky) über offener Flamme und organisieren kleine Konzerte, Spiele und Feste. Kinder basteln eigene Figuren, verkleiden sich als Hexen und machen bei Wettbewerben mit.
In großen Städten wie Prag wächst das Ganze zu richtigen Festivals mit Musik, Bühnen und Feuerwerk. In Dörfern ist die Atmosphäre ebenso warm – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – und der Abend wirkt oft weniger wie ein Ritual, eher wie ein Wiedersehen der Nachbarschaft.
Oft ist von einer uralten Tradition die Rede, doch Belege dafür, dass das Verbrennen der Hexe ein sehr altes Abschiedsritual vom Winter ist, gibt es nicht. Eher wirkt es wie eine Mischung aus europäischen Erzählungen, Alltagsbräuchen und einer schlichten Vorliebe für Feuer und Frühling.
Manche vergleichen čarodějnice mit der russischen Maslenitsa, bei der eine Puppe verbrannt wird, um sich vom Winter zu verabschieden. In Tschechien ist die Figur allerdings eine Hexe, nicht die Maslenitsa-Puppe.
In den vergangenen Jahren ist die Feier noch beliebter geworden – besonders in Städten, wo viele dem Alltag entfliehen und sich am Feuer treffen möchten, einfach um gemeinsam Zeit zu verbringen. Im Mittelpunkt steht nicht die Hexe, sondern die Wärme: Flammen in der Dunkelheit, Nachbarn Seite an Seite, Lachen, der Geruch von Rauch und das leise Gefühl, dass gute Tage vor uns liegen.
Das tschechische Hexenverbrennen hat nichts mit Dunkelheit oder Angst zu tun; es steht für Frühling, Wärme und Freude. Es markiert den Moment, in dem der Winter zur Seite tritt und etwas Neues beginnt. Und auch wenn die Hexe in Flammen aufgeht, bleibt etwas übrig: Erinnerungen – klar und lebendig wie Zungen aus Feuer in einer Frühlingsnacht.