Erfahre, wie auf Tschukotka Neujahr gefeiert wird: Pegytti zur Wintersonnenwende, die Rolle der Schamanen und das Zusammenspiel von Tradition und Orthodoxie.
Weit im äußersten Osten Russlands, wo anhaltende Winde, Permafrost und lange Nächte den Alltag prägen, wird der Jahreswechsel ganz anders begangen als in Moskau oder Wladiwostok. Auf Tschukotka ist Neujahr mehr als Mitternachtsschlag, geschmückter Baum und Mandarinen. Hier bedeutet der Jahresbeginn Verbundenheit mit Natur, Geistern und Vorfahren – ein Moment der Erneuerung, den man gerade im dunkelsten Abschnitt des Jahres besonders deutlich wahrnimmt.
Die Tschuktschen und andere indigene Völker Tschukotkas feiern ihr eigenes Neujahr, Pegytti, am 21. oder 22. Dezember zur Wintersonnenwende. Dann steht die Sonne am niedrigsten über dem Horizont, und das Tageslicht ist am kürzesten. Von da an kehrt die Sonne zurück – ein stilles Signal für den Beginn eines neuen Lebenszyklus.
Pegytti richtet sich nicht nach dem Kalender, sondern nach den Sternen; der Name ist mit dem hellen Stern Altair verbunden, der einst als deutliches Zeichen einer neuen Zeit galt. An diesem Tag versammeln sich Familien und entzünden ein rituelles Feuer auf alte Art – mit einer besonderen Holztafel und einer Schnur statt Streichhölzern. Diese Fertigkeit wird vom Vater an den Sohn weitergegeben.
Am Feuer wird gesungen, getanzt und einander Güte und Licht gewünscht. Als Gaben für die Geister legen die Menschen Fett, Schmalz oder Fleisch in Lederschalen – damit sie nicht erzürnen, sondern im kommenden Jahr ihre Hilfe gewähren. Das wirkt wie mehr als Folklore um der Folklore willen: eher wie ein bewusster Schnitt, um Belastendes zurückzulassen und mit klarem Kopf voranzugehen.
In diesen Feiern hat der Schamane eine besondere Position – jemand, der nach Auffassung der Menschen mit Geistern in Verbindung treten kann. Seine Aufgabe ist es, zu deuten, was die Gemeinschaft im neuen Jahr erwartet, sie von Schaden zu reinigen und auf den richtigen Weg zu führen. Schamanen sind nicht nur an Neujahr wichtig, sondern im gesamten Dorf- und Gemeinschaftsleben: Sie unterstützen in schwierigen Momenten, helfen bei Heilung und Rat und lesen die Zeichen der Natur aufmerksam.
In Tschukotka gilt die Überzeugung, dass alles in der Welt belebt ist und einen Geist hat – Schnee, Wind, Tiere. Diese Sicht fördert ganz selbstverständlich Respekt gegenüber der Natur. So wird Neujahr nicht nur zum Anlass für Freude, sondern zu einer Zeit, sich auf den nächsten Lebenszyklus einzustimmen.
Auf Tschukotka gibt es auch orthodoxe Kirchen, besonders in den Städten werden Gottesdienste gefeiert. Viele Einheimische begehen zudem kirchliche Feste wie Weihnachten. Das bedeutet nicht, dass sie ihre eigenen Traditionen aufgeben. Im Gegenteil: Viele verbinden beides und sehen darin keinen Widerspruch.
Studien deuten darauf hin, dass Menschen sowohl einen Gottesdienst besuchen als auch an einem Ritual am Feuer teilnehmen. Für sie sind es verschiedene Facetten des Lebens – spirituell und kulturell –, die ohne Reibung nebeneinander bestehen.
Natürlich begeht Tschukotka auch das gewöhnliche Neujahr am 31. Dezember. In den Städten werden Bäume aufgestellt, Konzerte veranstaltet, Reigen gebildet und Feuerwerke entzündet. Es ist ein landesweites Fest – ohne tiefes rituelles Fundament.
Auffällig ist, dass viele Familien gleich zweimal feiern: erst Pegytti, dann den Kalendertag. Tradition und Gegenwart, das Alte und das Neue, verweben sich so zu etwas, das zugleich pragmatisch wirkt und dem Ort treu bleibt.
Tschukotka ist ein besonderer Landstrich, in dem unterschiedliche Kulturen und Glaubensvorstellungen nebeneinander leben, ohne einander im Weg zu stehen. Alte Riten werden geschätzt, die Natur wird respektiert, und zugleich bleiben die Menschen Teil des nationalen Lebens. Darin liegt wohl der Kern dieses Festes: die eigene Verbindung zur Vergangenheit zu spüren, das Licht willkommen zu heißen und das Jahr mit offenem Herzen zu beginnen.