Im Nubian Village bei Assuan bewahren Bewohner die Tradition, Nilkrokodile zu halten. Hintergründe, Tourismus-Einfluss und Tierschutzdebatte rund um die Praxis.
Im Herzen des Nubian Village, am Westufer des Nils gegenüber von Assuan, lebt eine ungewöhnliche Tradition fort. Zwischen bunt bemalten Häusern und schmalen Gassen halten die Bewohner Nilkrokodile als Haustiere. Dieses Bild irritiert und fasziniert zugleich – und zieht Reisende in diese Ecke Ägyptens.
Die Haltung von Krokodilen im eigenen Zuhause reicht bis in die Antike zurück. In der nubischen Kultur stehen diese Tiere seit Langem für Stärke, Glück und Schutz. Vermutlich speist sich diese Haltung aus ihrer Rolle in Mythen und im Kult um den alten Gott Sobek, den Hüter von Wasser und Fruchtbarkeit. Heute wird die Tradition als Kulturerbe bewahrt und sorgsam von Generation zu Generation weitergegeben – man spürt, wie sich Vergangenheit und Gegenwart berühren.

Anders als beim üblichen Haustier streift ein nubisches Krokodil nicht durchs Haus. Die Tiere leben meist in speziellen Gehegen oder kleinen Becken; mitunter stehen die Käfige sogar im Wohnraum. Die Dorfbewohner kümmern sich akribisch um ihre Schützlinge: Sie füttern – meist mit Fisch – und schaffen Bedingungen, die sowohl für die Reptilien als auch für Menschen sicher sein sollen. Trotz ihres respekteinflößenden Äußeren gelten diese Krokodile nicht als echte Gefahr, weil man sie von klein auf anfasst und die Menschen sich an ihr Verhalten gewöhnen.
Heute sind die Krokodile mehr als ein Stück lokaler Kultur – sie sind zu einem festen Bestandteil des Tourismus geworden. Besucher aus aller Welt kommen ins Nubian Village, um den Tieren aus nächster Nähe zu begegnen. Führungen bieten oft die Möglichkeit, ein junges Krokodil zu berühren oder ein Erinnerungsfoto zu machen. Für viele ist das ein beglückendes, zugleich vorsichtiges Erlebnis – die Nähe zu einem Raubtier bleibt ungewohnt.
Der Tourismus ist zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden, und die Krokodilhaltung zu ihrer Visitenkarte. Für die Einheimischen ist das nicht nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, sondern auch eine Chance, der Welt die Fülle ihrer Kultur zu zeigen. Beides greift sichtbar ineinander.
Doch die Sitte stößt auf geteilte Reaktionen. Naturschützer äußern Sorgen um das Wohl von Tieren, die außerhalb ihres natürlichen Lebensraums leben. Zwar können sich Krokodile an Gefangenschaft anpassen, ihr Wesen verlangt jedoch nach Raum und Freiheit. Andererseits hält diese Praxis das öffentliche Interesse an einer Art wach, die andernfalls vom Aussterben bedroht sein könnte.

Wie es mit der Tradition weitergeht, ist offen. Einerseits begünstigen der wachsende Tourismus und die Aufmerksamkeit für das Nubian Village ihren Fortbestand. Andererseits könnten moderne Tierschutzströmungen die Haltung der Krokodile verändern. Möglich, dass der Brauch sich wandelt und nur seine kulturelle, symbolische Ebene bewahrt – ohne die tatsächliche Tierhaltung.
Das Nubian Village und seine Krokodile sind mehr als eine Sehenswürdigkeit. Sie sind ein lebendiges Denkmal für ein Volk, das die Verbindung zur Vergangenheit bewahrt – in einer Welt, in der Tradition zunehmend der Globalisierung weicht. Die Krokodilhaltung wirft Fragen auf und lädt zur Debatte ein, bleibt aber ein einzigartiges Phänomen: Es zieht an, überrascht und regt dazu an, darüber nachzudenken, wie uralte Praktiken mit den Anforderungen der Gegenwart zusammengehen können.