15:21 13-01-2026
Wenn Grenzen durch Häuser verlaufen: Baarle, Sebatik, Derby Line
Wie es ist, wenn Grenzen durch Häuser verlaufen: Baarle an der belgisch-niederländischen Grenze, Sebatik und Derby Line. Regeln, Alltag und Reisetipps.
Stellen Sie sich vor, Sie kochen das Frühstück in einem Land und essen es im nächsten. Ein Schritt über die Schwelle Ihres Schlafzimmers – noch zu Hause und doch schon im Ausland. Für manche Orte ist das keine Fantasie, sondern morgendliche Routine, denn die Staatsgrenze schneidet mitten durch Wohnhäuser.
Wo verläuft die Grenze – auf dem Boden oder über den Teppich?
Die meisten internationalen Grenzen präsentieren sich als klare, formale Linien: Absperrungen, Flaggen, Beamte. Doch es gibt Orte, an denen dieses ordentliche Bild zerfasert. In einigen wenigen Städten und Dörfern zieht sich die Trennlinie durch Gebäude – durch Wohnhäuser, Läden, sogar Bibliotheken.
Das bekannteste Beispiel ist die Stadt Barle, geteilt zwischen den Niederlanden und Belgien. Dort verhält sich die Grenze weniger wie ein Strich und mehr wie ein Geflecht: Sie schlängelt sich durch Straßen, quert Höfe und Zäune und zieht sich bisweilen mitten durch Wohnungen.
Ein Haus halb belgisch, halb niederländisch
In Barle kann das Wohnzimmer im einen Land liegen, während das Schlafzimmer zum anderen gehört. Entscheidend ist die Lage der Haustür. Gilt sie als zur belgischen Seite geöffnet, wird das Haus als belgisch geführt – selbst wenn die halbe Bausubstanz auf niederländischem Boden steht.
Zur Orientierung sind besondere Markierungen auf Straßen und sogar in Innenräumen aufgemalt: weiße Kreuze und die Buchstaben NL (Niederlande) und B (Belgien). Mitunter ziehen sich diese Zeichen quer über den Boden eines Cafés oder direkt durch ein Schlafzimmer.
Wo es das sonst noch gibt
Barle ist nicht der einzige Punkt auf der Karte, an dem Häuser eine Grenze überspannen. Auf der Insel Sebatik zwischen Malaysia und Indonesien steht ein Haus, in dem die Küche im einen Land liegt und das Wohnzimmer im anderen.
Und im nordamerikanischen Ort Derby Line an der Grenze zwischen den USA und Kanada werden eine Bibliothek und ein Theater ebenfalls von der Grenzlinie geteilt – wer den Flur überquert, setzt buchstäblich einen Schritt von einem Land ins andere.
Wie Menschen in solchen Häusern leben
Leben auf der Linie verlangt Aufmerksamkeit für Kleinigkeiten. In Barle gibt es zwei Postämter, und manche Häuser führen zwei Adressen samt zweier Briefkästen. Abgerechnet werden Nebenkosten und Steuern je nach dem Land, zu dem das Haus gehört.
In Europa bereiten solche Grenzen zum Glück kaum Kopfzerbrechen: Niederlande und Belgien gehören zur Europäischen Union und zum Schengen-Raum, strenge Kontrollen entfallen. Man wechselt hin und her, ohne Sorge vor einem Bußgeld für einen Schritt zu viel – ein kleiner Beleg dafür, wie Politik den Alltag entweder reibungslos macht oder verkompliziert.
Anderswo, wo Nachbarschaften komplizierter sind, könnten solche Häuser rasch Streit schüren. Auf Sebatik finden die Menschen dennoch Wege, Seite an Seite zu leben – selbst wenn die Grenze mitten durch ein Zuhause verläuft.
Tourismus und weltweite Neugier
Solche Orte werden häufig zu skurrilen Anziehungspunkten. In Barle lässt sich beobachten, wie die Grenze ein Restaurant oder ein Schaufenster zerschneidet. Besucherinnen und Besucher posieren gern mit einem Fuß in den Niederlanden und dem anderen in Belgien.
Die Einheimischen sind die Aufmerksamkeit längst gewohnt. Es gibt sogar Souvenirs, die diese ungewöhnliche Lebensweise feiern.
Was das über uns und die Welt erzählt
Verläuft eine Grenze durch ein Zuhause, ist sie nicht mehr nur ein Strich auf der Karte. Sie wird Teil des Alltags. Die Menschen trennen ihr Leben hier nicht in fernes Dort und vertrautes Hier – sie leben einfach, oft in zwei Ländern zugleich.
Solche Orte laden zu einem Gedanken ein: Vielleicht werden sich Grenzen mit der Zeit weniger wie Barrieren anfühlen und mehr wie Treffpunkte. Wo einst Mauern standen, könnten Brücken entstehen – auch wenn sie ausgerechnet durch die Küche führen.