09:13 01-01-2026
Gedichte nach Gewicht in Teheran: Legende oder Wirklichkeit
Gibt es in Teheran wirklich Basare, auf denen Gedichte nach Gewicht verkauft werden? Wir prüfen den Mythos, besuchen Book Garden und trennen Fakt von Fiktion.
Im Netz taucht immer wieder eine verblüffende Geschichte auf: Irgendwo in Teheran, heißt es, soll jemand auf einem Markt Gedichte verkaufen – nicht Bücher, sondern die Verse selbst – nach Gewicht. Man komme zum Basar und lasse sich eine kleine Tüte Lyrik abwiegen wie Obst oder Gewürze. Ein Bild wie aus einer Fabel. Die Frage liegt nahe: steckt Wirklichkeit dahinter oder nur eine besonders hübsche Erfindung?
Eine Stadt, die Bücher wirklich liebt
Zunächst ein Wort über Teheran. Die Metropole ist riesig, geschäftig, Millionen leben hier. Literatur genießt hohes Ansehen, vor allem die Dichtkunst. In Iran werden Poetinnen und Poeten beinahe wie Rockstars behandelt – nur mit dem Stift statt der Gitarre. Man liest Verse, diskutiert darüber, viele schreiben eigene.
Das berühmteste Zentrum für Bücher ist der Tehran Book Garden. Er ist weit mehr als ein Laden: ein Kulturkomplex mit Tausenden Titeln im Verkauf, Ausstellungen, Festivals. Modern, gut organisiert, einladend. Gedichte „kiloweise“ bietet dort dennoch niemand an – es ist ein ganz normales Buchzentrum, wie man es aus großen Literaturhäusern kennt.
Und die gewöhnlichen Märkte?
Teheran hat zahllose Basare; der bekannteste ist der Große Basar, eine weitläufige Markthalle, in der sich fast alles findet: Gewürze, Teppiche, Schmuck, Geschirr. Daneben gibt es Orte wie den ruhigeren Tajrish-Basar.
Wer aktuelle Reiseführer, Artikel oder lokale Seiten durchstöbert, stößt jedoch auf keine Hinweise, dass Gedichte als eigenes Gut verkauft würden – schon gar nicht nach Gewicht.
Ja, auf manchen Märkten kann man über alte Bücher oder sogar Handschriften stolpern. Das erinnert eher an Antiquariate als an Schaufeln voller Lyrik aus Säcken.
Legende oder kunstvolle Fiktion?
Manche Websites, vorwiegend russischsprachige, sprechen von „Gedicht-Märkten“, auf denen Verse gegen eine Flasche Wasser getauscht oder grammweise verkauft würden. Beim näheren Hinsehen zeigt sich jedoch: Gemeint sind Metaphern, poetische Bilder, keine Wegbeschreibung zu einem realen Ort in Teheran. Weder Nachrichten noch Reportagen oder Kulturblogs über die Stadt bestätigen die Existenz eines solchen Markts. Die Geschichte hält sich, weil sie zu schön ist – Belege fehlen, und gerade dieses Schweigen wirkt beredt.
Könnte es irgendwo doch existieren?
Theoretisch wäre so ein Ort als informeller Treff oder privater Zirkel denkbar. In Iran gibt es Runden, in denen Liebhaberinnen und Liebhaber von Poesie einander vorlesen, diskutieren und Bücher tauschen. Vielleicht begegnet man in einer schmalen Gasse einem alten Mann mit einem Bündel Verse. Bislang spricht jedoch nichts dafür, dass es mehr ist als eine elegante Legende.
Eine Erklärung verweist auf eine alte Praxis: Papier – bisweilen auch alte Handschriften – wurde in Iran als Altpapier verkauft, buchstäblich nach Kilo. Man kann sich vorstellen, dass vergessene Gedichte in solchen Stapeln auftauchten. Daraus könnte sich die Vorstellung vom „Gedicht nach Gewicht“ geformt haben – aus einem alltäglichen Handel mit Papier wurde eine einprägsame Erzählung vom Kauf von Versen wie von jedem anderen Gut.