01:38 25-12-2025
Warum Frankreich 1910 Küsse auf dem Bahnsteig verbot
1910 untersagte Frankreich Küsse auf dem Bahnsteig, um pünktliche Abfahrten zu sichern. Erfahre die Geschichte des Kussverbots und Kusszonen an Bahnhöfen.
Wer schon einmal an einem Bahnhof von einem geliebten Menschen Abschied nehmen musste, weiß, wie schwer das Loslassen fällt. In solchen Momenten zählt jede Sekunde. Doch 1910 kam Frankreich zu dem Schluss, dass dieses romantische Ritual den Betrieb ausbremste: Küsse auf dem Bahnsteig verzögerten Abfahrten. In der gnadenlosen Logik des Fahrplans zählt jede Minute – so entstand eine der kuriosesten Regeln jener Zeit: ein Kussverbot an Bahnhöfen.
Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Eisenbahn einen Höhenflug. Zugreisen wurden immer beliebter, und strenge Taktung war entscheidend. Zärtliche Abschiede auf dem Bahnsteig wurden zum echten Problem. Lokführer, berührt von menschlicher Anteilnahme, warteten oft, bis Paare ihre emotionalen Szenen beendet hatten. Die Folge lag auf der Hand: Abfahrten verschoben sich, andere Reisende wurden ungeduldig.
Um gegenzusteuern, griffen die französischen Behörden zu einem drastischen Schritt: Auf Bahnsteigen wurden Küsse untersagt. Die Maßnahme sollte Ordnung sichern und den Fahrplan stabil halten.
Wie genau diese Regel durchgesetzt wurde, ist nicht überliefert. Das, was bekannt ist, deutet auf Prävention statt Repression hin: Eine spezielle „Bahnhofspolizei“, die nach Verstößen fahndete, dürfte es kaum gegeben haben. Plausibler ist, dass das Verbot als Signal diente – die Botschaft, dass öffentliche Ordnung Vorrang hat. Es wirkte eher tonangebend als restriktiv, mehr Hinweis als harte Hand.
Mit der Zeit, neuen Technologien und veränderten sozialen Normen geriet die Regelung in Vergessenheit. Heute wird sie kaum noch erwähnt und, nach allem, was erkennbar ist, nicht mehr angewandt. Geblieben ist eine skurrile historische Episode – der Versuch, alltägliches Verhalten zu ordnen.
Dennoch ist die Bahnsteigromantik nicht verschwunden. Manche französischen Bahnhöfe haben sogenannte Kusszonen eingerichtet – eigene Bereiche, in denen Paare sich ohne Hektik verabschieden können. Eine elegante Balance zwischen pünktlicher Taktung und dem menschlichen Bedürfnis nach Zuneigung.