05:37 06-12-2025
Bhavai: Frauen tanzen mit Töpfen – Tradition aus Rajasthan und Gujarat
Entdecke Bhavai, den indischen Traditionstanz aus Rajasthan und Gujarat: Frauen stapeln Töpfe auf dem Kopf und tanzen mit atemberaubender Balance und Musik.
Manche Tänze leben von prächtigen Gewändern, andere von reiner Bewegungsenergie. Doch eine indische Tradition lässt alles um einen herum innehalten: Bhavai. Eine Frau betritt die Bühne, stapelt Töpfe auf ihren Kopf – einen nach dem anderen – und beginnt zu tanzen. Mitunter tut sie das auf der Schneide eines Schwertes, auf Glas oder auf dem Rand einer Metallschale. Es ist kein Zirkustrick, sondern ein lebendiges Stück Kultur, das in Indien von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Vom Alltag zur Kunst
Entstanden ist dieser Tanz nicht im Theater, sondern mitten im Dorfleben. In heißen, trockenen Regionen Indiens wie Rajasthan holen Frauen täglich Wasser und tragen die Krüge auf dem Kopf heim – oft nicht nur einen, sondern gleich eine kleine Turm-Konstruktion. Diese Notwendigkeit schärfte Balance und Geschick.
Mit der Zeit wurde daraus eine Darbietung. Bhavai fand seinen Platz bei Festen und Feiern. Heute sieht man ihn in Rajasthan und im benachbarten Gujarat. Jede Region setzt eigene Akzente, doch der Kern bleibt: Frauen tanzen mit Krügen auf dem Kopf – mit erstaunlicher Kontrolle und stiller Entschlossenheit.
Was sich auf der Bühne entfaltet
Meist beginnt alles mit einem einzigen Topf. Dann folgt ein zweiter, ein dritter … manchmal acht oder neun. Die Tänzerin bleibt dabei nicht stehen: Sie bewegt sich, gleitet, dreht sich, geht in sanfte Hocke. Bisweilen tanzt sie auf einer Schwertschneide oder auf Glas.
Sie trägt leuchtend-traditionelle Kleidung: einen langen, weit schwingenden Rock, der mit Pailletten und kleinen Spiegeln funkelt, eine kurze Bluse und ein fließendes Tuch. Alles fängt das Licht ein – und bei jedem gesetzten Schritt ertappt man sich, den Atem anzuhalten.
Die Musik ist live: Trommeln, Saiteninstrumente und Gesang. Oft geben Volkslieder den Ton an, sie tragen Geschichten und Stimmungen in die Szene.
Was hinter dem Tanz steckt
Auf den ersten Blick wirkt Bhavai wie ein schönes Spektakel. In Wahrheit erzählt er mehr. Der Tanz spiegelt Ausdauer und Stärke indischer Frauen – die Fähigkeit, fordernde Routinen zu tragen und trotzdem gelassen und anmutig zu bleiben.
Balance ist hier nicht nur körperlich. Die Tänzerin trägt eine fragile Konstruktion auf dem Kopf und bewegt sich doch mit Leichtigkeit – eine leise Metapher für innere Ruhe inmitten harter Umstände.
Eine Tradition, die es zu bewahren gilt
Leider werden solche Aufführungen seltener. Viele junge Menschen orientieren sich an modernen Berufen und Unterhaltungsformen, und Bhavai ist heute vor allem bei Festen und Kulturveranstaltungen zu sehen.
Es gibt jedoch Erfreuliches: 2025 begannen in Indien Anstrengungen, Bhavai zu dokumentieren und zu bewahren – mit Videoaufnahmen, den Geschichten der Künstlerinnen und Künstler sowie der Erforschung der Traditionen. Solche Arbeit kann verhindern, dass die Kunst leise verschwindet.
Außerdem hat der Tanz Indien längst verlassen – etwa nach Australien und Neuseeland. Das deutet darauf hin, dass das Interesse lebendig ist und Bhavai eine Zukunft hat.
Warum er jede und jeden erreichen kann
Auch ohne Reisepläne nach Indien ist Bhavai ein direkter Weg, dem Land näherzukommen. Ein Video ansehen, durch eine Fotostrecke blättern – dem Staunen entkommt man schwer.
Dieser Tanz sagt viel: über die Kraft der Frauen, über Meisterschaft und darüber, wie Kunst aus dem Alltag wächst. Und er inspiriert schlicht. Mit neun Töpfen auf dem Kopf zu tanzen ist – bei aller Ruhe – schlicht verblüffend.